Zur Erläuterung:

 

Niemand weiß, wie alt unser Dorf wirklich ist - im übrigen weiß auch niemand, wie alt unsere Hauptstadt Berlin oder andere Städte und Dörfer sind.

Fakt ist, daß sich die heute genannten Altersangaben nach dem Zeitpunkt der ersten urkundlichen Erwähnung richten - dabei ist doch jedem klar, daß ein Ort, der in einer Urkunde erwähnt wird, zum Zeitpunkt der Erwähnung auch erwähnenswert gewesen sein mußte - also schon vorher existiert haben und also mehr oder weniger lange vor seiner erwähnenswerten Existenz gebaut oder gegründet worden sein mußte - mit Ausnahmen natürlich; wie Annaberg im Erzgebirge, das für den Silberbergbau 1496 extra gegründet wurde oder Wolfsburg, das erst 1938 aus einem Sammelsurium von Gemeinden und einem Rittergut gleichen Namens wegen des neuen Volkswagenwerkes entstand.

 

Ermstedt wird nach jetzigen Erkenntnissen erstmals in einem Besitzverzeichnis des Klosters Hersfeld  erwähnt.

 

Der Mainzer (Erz-)Bischof Lullus (786) bekam Geschenke für das Kloster, kaufte etwas dazu, verschenkte alles wieder an den späteren Kaiser Karl usw. usf.

. . . das wurde alles aufgezeichnet . . . und im 12. Jahrhundert unter dem Titel BREVIARIUM SANCTI LULLI ARCHIEPISCOPI nochmals abgeschrieben.

Das Original ist leider verschollen, die Abschrift blieb aber erhalten und so sind sich die Forscher leider nicht einig, ob die dort auf Tafel II erwähnten Besitzungen alle vor oder bis 775 in den Besitz des Klosters gelangten oder ob Nachträge bis zum Tode des Lullus 786 hier auch Erwähnung fanden, weshalb die Geburtsstunde unseres Dorfes sowie auch vieler anderer Orte auf das Jahr 786 festgelegt wurde.

Wer mehr wissen will, lese die Faksimile-Ausgabe des Breviar von 1986:

In Ermenstat hub(as) III - m(ansum) I

 

In Ermstedt drei Hufen und eine Manse,

 

das war also der Besitz der Hersfelder Mönche, dem wir unsere Ersterwähnung verdanken - keiner vermag heute zu sagen, welche Landflächen oder Gütergrößen damals hinter den Bezeichnungen standen - gemeinhin ist eine Hufe (Hube) die Ackerfläche, die von einer Familie bewirtschaftet werden kann und diese auch zu ernähren vermag (etwa 30 Morgen, also etwa 6 ha) und eine Manse ein zehntpflichtiger Hof mit Kulturland für eine Großfamilie (etwa 30-40 ha).

Zur Ergänzung für ganz Wißbegierige:

 

Nun sagt uns aber auch der Name des Ortes selbst etwas über die Zeit seiner Gründung oder Benennung. Orte mit der Endung - loh(e) oder mit Loh- am Anfang (dabei loh = Wald) weisen auf keltische Namensgebung hin (vgl. Eihloha = Eiloh, ). Die Endung -bronn, -brunnen kommt bei altgermanischen Benennungen vor (vgl. Sunnebrunnun = Sonneborn). Suebisch-allemannische Ortsnamen (Schwaben haben unser Gebiet auch durchwandert)  enden häufig auf  -ingen (heißt soviel wie zugehörig - Thoringi = die zu Thor gehören), altthüringisch dann  -ungen  (vgl. Sumeringe = Sömmern). Orte mit der Endung -leibe, -leuba, -leben (heißt soviel wie zu Eigen, Erbe), usw. sind warnischen Ursprungs - die Warnen zogen vom Norden in Schleswig nach Süden und gingen hier mit anderen Stämmen in den Thüringern auf (vgl. Pertikeslebo und Sibilebo, Pferdingsleben und Siebleben). Die Endung -stat (Stätte, Ort) gibt es sowohl im altthüringischen, als auch bei Goten (s.u. Tervingen) und Nordländern. Die Endungen -bach, -dorf, -feld, -hausen, -heim,  (vgl.  Suabahusun = Schwabhausen)  weisen auf  Gründungen während der fränkischen Übersiedling/Eroberung hin, in unserem Gebiet also ab etwa 500 (531 wurden die Thüringer von den Franken geschlagen).

Alle oben genannten Orte finden sich im Breviarium Lulli - gelten also formal als 786 gegründet. Die Namensgebung aber läßt auf deren Gründungen tlw. ab mindestens 100 v.u.Z. durch Kelten schließen, danach auf die von Hermunduren um die Zeitenwende, auf die von Warnen ab 300 usw. usf.. Wir wissen aber dabei nicht, ob Orte später durch Nach- oder Übersiedler oder durch Eroberungen umbenannt worden sind - oder umgekehrt, also daß z.B. ein jüngerer Ort einen älteren Namen annahm oder ein älterer Ort durch Neusiedler einen neueren Namen bekam.

 

Und noch etwas: Nicht nur die Endung eines Ortsnamens verrät uns einiges, sondern vor allem auch die davorstehenden Namensanteile : Eihloha wäre vielleicht als Ort im Eichwald zu benennen, Sibilebo als Erbland des Sibo (Name), Sunnubrunnun war vielleicht ein Ort mit einer der Göttin Sunna (Sonne) geweihten Quelle. Die fränkischen Endigungen scheinen zu erläutern, ob es einen Bach zum Fischfang oder ein Feld zum Bebauen gab oder wer hier Häuser oder Heime hatte (Suabahusun = Schwabhausen (wo ein paar Sueben/Schwaben wohnen?).  Ähnlich wäre dann  Friesenestat = Frienstedt (wo ein paar Friesen wohnen - vielleicht mit den Angeln und Warnen mitgezogen?), oder Ermenstat* = Ermstedt (wo die Hermunduren** wohnen oder aber eher die, die noch Irmin***-Tiuz, genannt auch Tyr (nordgermanisch), Tiuz (althochdeutsch), Tiwaz (indogermanisch deiwos), Saxnot (Sachsen) oder Things (Friesen) eine HeimSTATt bieten).

 

 

* Ermen- (in Abwandlung auch in Irm-(Irmtraut), Arm-(Arminius), Herm-(Hermunduren) enthalten) ist ein germanisches Präfix (Vorsilbe), das groß/allgewaltig bedeutet. Erman/Irmin ist das Hohe/Höchste und in Verbindung mit dem indogermanischen deiwos=göttlich dürfte Irmin-Tiuz so etwas wie Obergott oder Höchster Gott heißen. Der höchste Gott der Germanen**** war früher tatsächlich Tyr - bis er zur Völkerwanderungszeit seine Rolle an Odin/Wotan abgeben mußte. (vgl. im Übrigen im o.g. Breviar dazu Woteneshusun = Guthmannshausen, hier wurde der neue germanische Obergott im weiteren zeitlichen Verlauf zum Guten Mann - na ja, war er ja vielleicht auch im Vergleich zur späteren Reconquista.

 

** nach neuesten Erkenntnissen leitet sich der Name der Thüringer nicht wie früher angenommen vom Stammesnamen der Hermunduren ab, sondern entweder vielleicht von dem der germanisch-keltischen Turonen, nach anderer aktueller Meinung von dem der ostgermanisch-gotischen Tervingen. Nach neuesten sprachwissenschaftlichen Forschungen ist aber eine andere Deutung wahrscheinlicher: eine Zusammensetzung aus dem Stammwort: „þur“ und der Handlungs-Wortendung: „ing(oz)“, was in etwa bedeuten würde „die Starken, Machtvollen“ o.s.ä. und „als solche seiend/handelnd“, also z.B. in Kurzform: „die Mächtigen“ (Anm. des Autors: das paßt doch - oder?)

 

*** Irmin wird als Hirmin auch erwähnt bei Widukind von Corvay in der Sachsengeschichte (10. Jhd.) und als Jörmun als einer der Beinamen Odins in der Edda (13.Jhd.)

 

**** Ein Hinweis auf die Rangfolge der germanischen Götter ergibt sich auch aus unseren Wochentagen. Am Anfang steht der wichtigste Stern am Himmel, die Sonne und danach folgt gleich der Mond - nach diesen richten sich die Geschicke der Natur - also ist der erste Tag der Woche der Sonn(en)tag und der zweite der Mon(d)tag. Der dritte Tag, der Dienstag (mnd. Dingesdach/ ahd. Ziostag) ist der Tag des Tyr/Ziu (Gott des Dings/Things also der Ratsversammlung der Germanen) etc.. Der Mittwoch (ahd. Mittiwehha ab dem 10. Jhd. belegt) ist in seiner deutschen Bezeichnung eine Erfindung der christlichen Missionare zur Vermeidung des Namens des inzwischen zum germanischen Hauptgott aufgestiegenen Woden  - in anderen Ländern ist er aber heute noch dem Wotan geweiht (aengl. Wodnesdaeg, jetzt dort Wednesday, ndl. Woensdag, nd. Wunsdag) - er ist der vierte Tag der Woche und liegt damit tatsächlich in der Mitte (nach heutiger EU-Definition ist der Mittwoch allerdings der 3. Tag, womit sich sein Name eigentlich verbietet). Der Donnerstag (ahd. Donrestac, nfris. Thürs dei) ist der Tag des Donar/Thor - hier findet sich eine christliche Donnergottverschleierung nur im bairischen Sprachraum als Pfinstag (aus dem Griechischen pempte - der 5.). Der Freitag ist der Tag der Freija. Der siebte Tag heißt bei uns Sonnabend (ahd. Sunnunaband) und geht in seiner Bezeichnung auf die alte Tageseinteilung zurück, daß ein Tag am Abend beginnt - es ist also der Tag, an dem am Abend der Sonn-(en)tag beginnt. Die Bezeichnung Samstag (althochdt. Sambaztac), franz. Samedi, ital. Sabato, oder span. Sabado stammt vom jüdischen Sabbat (hebr. Schabbatai = Stern des Sabbat), der allerding am Freitagabend beginnt.

Bild-Zitat aus: Breviarium sancti Lulli, Ein Hersfelder Güterverzeichnis aus dem 9. Jahrhundert, Faksimileausgabe besorgt von Thomas Franke, Selbstverlag des Landkreises Hersfeld-Rotenburg 1986, © Landkreis Hersfeld-Rothenburg