Über Wappen (für Wißbegierige):

 

Wappen kamen im 12. Jhd. auf - zunächst als weithin sichtbare Erkennungszeichen auf den Schilden geharnischter Kämpfer, meist als stilisierte Tierfigur oder einfach als geometrische Schildteilung. Dabei mußten die Wappen eindeutig voneinander zu unterscheiden sein, weshalb sich recht bald feste Regeln der Gestaltung herausbildeten: Zu verwenden seien nur die Farben: Rot, Blau, Grün und Schwarz und die Metalle: Silber und Gold (dargestellt als Weiß und Gelb) - in einigen Gegenden gab es darüber hinaus noch die Verwendung von stilisierten Pelzen (wie Hermelin oder Feh) oder auch die Farbe Purpur. Zur besseren Erkennung diente auch die Regel, daß Farben nie auf Farben und Metalle nie auf Metallen zu liegen kommen sollen (dagegen wurde aber schon immer gern verstoßen, z.B. Vatikanwappen: goldener und silberner Schlüssel auf Silber oder Sudetenland: schwarzer Adler auf Rot - man erinnere sich auch an Otto, den Ostfriesen, der seine Landesflagge als weiße Taube auf weißem Grund forderte - war‘n Scherz). Letztendlich war noch zu fordern, daß kein Wappen einem anderen zum Verwechseln ähnelt (Ausschließlichkeitsgrundsatz).

 

Die Sitte, Wappen zu führen verbreitete sich rasend schnell über Europa, so daß bald neben dem Adel auch Bürger und Bauern Wappen führten und auch Städte, Universitäten und andere Vereinigungen in ihrer Eigenschaft als juristische Person. Dörfer dagegen waren meist keine eigenständigen Gebietskörperschaften, sondern unterstanden kirchlichen oder weltlichen Herren. Erst solche Gesetze, wie die Gemeinde- und Kreisordnung für Thüringen von 1926, die Richtlinien für die Gestaltung des Siegel- und Wappenwesens der Gemeinden und Kreise im Lande Thüringen von 1948 oder die jetzt geltende Thüringer Gemeinde- und Landkreisordnung (ThürKo) haben es möglich gemacht, daß alle Gemeinden Siegel und Wappen führen dürfen.

 

So dürfte denn endlich nach über 1000 Jahren des Bestehens auch Ermstedt ein Wappen führen, wenn es denn nicht durch die Gebietsreform von 1994 der Stadt Erfurt zugeschlagen worden wäre - nun ist Ermstedt keine Gemeinde mehr, sondern ein Ortsteil, d.h. bis 2009 hießen wir noch Ortschaft (für solcherlei administrative Umbenennungen gibt es ausreichend Geld, Papier, Beamte und Satzungen), aber auch da waren wir keine Gebietskörperschaft mehr…

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Nebenbei gesagt, gäbe die o.g. ThürKo vom genauen Wortlaut trotzdem die Möglichkeit her, daß auch Ortsteile ein Wappen führten, denn es heißt dort:

„...§ 7 Hoheitszeichen, (1) Die Gemeinden sind berechtigt, Wappen und Flaggen zu führen …“

Hier wird ausdrücklich im Plural gesprochen, das läßt einen gewissen Deutungs- und Handlungsspielraum frei. Ansonsten hätte es lauten müssen: „die Gemeinden sind berechtigt, jeweils ein Wappen ... zu führen“. Sicherlich sollte vom Sinninhalt eines Wappens her eine Stadt auch nur ein Wappen führen - was spricht aber dagegen, daß die Stadtteile für sich noch ein eigenes haben (s. Berlin)? Sei es, wie es sei, nach umfangreicher Korrespondenz mit dem OB von Erfurt, dem Landesverwaltungsamt und der Bürgerbeauftragten des Thüringer Freistaates wurde uns freigestellt, ein inoffizielles/ nichtamtliches Wappen zu führen, also nicht als eigentliches Hoheitszeichen, sondern als Symbol unseres Namens, der Geschichte und örtlichen Heimatverbundenheit.

Wie im Kapitel „Zum Siegel“ nachzulesen hatten Dörfer früher keine Wappen. 

 

Aus Anlaß der bevorstehenden 1225-Jahrfeier hatte sich auch unser Heimatverein Gedanken zu einem Ermstedter Wappen gemacht. Wie aber sollte es aussehen?

Schon einmal hatte sich Ermstedt angeschickt, so etwas wie ein Wappenbild für seinen Ort zu gestalten - anläßlich der 1200-Jahrfeier 1986 hatten geschichtsinteressierte Bürger sich des kurzlebigen Siegels Anfang der 50er Jahre erinnert und daraus ein farbiges, wappenähnliches Bild verfertigt, daß u.a. auch beim damaligen Festumzug gezeigt wurde. Nur damals war man von „höherer Stelle“ eigentlich nicht interessiert und vor allem gab es damals im Dorf keinen Heraldiker, der hätte hinzugezogen werden können.

Gemeindewappen entstanden früher entweder aus den Gemeindesiegeln, aus Bestandteilen der Wappen der jeweiligen Oberherren, aus Abstraktionen gemeindeeigentümlicher Bauwerke oder hier konzentrierter Gewerbe und/oder anderer Landmarken, aus blankem Wunschdenken meist in Form allegorischer Figuren oder aus dem Ortsnamen selbst.

Betrachtet man das Bildsiegel, so ließe sich auch nach heraldischen Regeln daraus ein Wappen aufreißen - Vogel und Blume stilisiert, in der Größe gleichwertig, dazu noch die Farbregeln* beachtet - es wäre möglich!  Hier als Beispiele einige mögliche Varianten als Farben auf Metall (1. und 2. Reihe ) oder als Metall auf Farbe (3. und 4. Reihe).

Seltsamerweise fand sich beim Umbau des Buchhabelhauses am Erfurter Anger ein Epigraph von 1603 mit Wappen der Familien Denstad und Schwengenfeld, wobei letzteres der heraldische Umsetzung des Ermstedter Siegelbildes (allerdings spiegelbildlich) entsprechen könnte. In den einschlägigen Standardwerken der Heraldik konnte ich wohl das erste wiederholt, das letzte dagegen überhaupt nicht finden, bis ich vor kurzem, dank Frau Rose vom Stadtarchiv Erfurt fündig wurde und im Ratstransitus für das Jahr 1665 das Wappen eines Stadtvogtes Schwengfeld genau in der gespiegelten Version fand - offensichtlich war dem Steinmetz hier ein Fehler unterlaufen und er hat nicht nur wie üblich das Wappen des Mannes gespiegelt (sog. Heraldische Courtoisie - das Mann-Wappen sieht das Frau-Wappen an), sondern auch das der Ehefrau gespiegelt - etwas übertrieben! (die Frau schaut weg!). Wegen dieser enormen Ähnlichkeit war der Blume-Vogel-Entwurf also zu verwerfen.

Es mußte also ein anderer Weg zur Wappengestaltung gefunden werden.

Als Zeichen der früheren oder jetzigen Territorialherren kämen ein Hersfeldisches Kreuz, ein Kurmainzisches oder ein Erfurter Rad in Betracht; ferner sächsische, französische oder preußische Symbole als Zeichen der Interimsbesitzer.

Markante Bauten oder herausragende Landmarken fehlen in Ermstedt genauso, wie ortstypische Gewerke. Allegorische Phantasiegebilde, wie Palmzweige, Jungfrauen, Anker u.ä. haben keinen Ortsbezug.

Deshalb kam nur die volksetymologische Deutung des Ortsnamens für ein Wappenbild in Frage. Möglichkeiten wären eine Art Helden- oder Götterstatue (s. Hermannsdenkmal) als bildliche Umsetzung des germanischen Präfix „(H)erm-“ ggf. auch in oder über einer Mauer-Silhouette o.ä., oder auch Runenzeichen mit entsprechenden Laut- oder Sinnwert.

 

Aus der Wortetymologie (Sprachherkunft; s. dazu Kapitel Geschichte / Erläuterungen), liegt es aber nahe, als zentrales Bild für ein „Ermenstat“-Wappen eine Ermensäule zu verwenden.

 Die bekannteste Ermensäule ist die, die in der christlichen Geschichtsschreibung u.a. in den fränkischen Reichsannalen (Ann. Laurissenses mj.) erwähnt wird: „DCCLXXII (772), … ad Ermensul usque pervenit et ipsum fanum destruxit…” ( gelangte zur Ermensul und zerstörte dieses Heiligtum) oder in den Annales Petaviani: „ ...pervenit ad locum, qui dicitur Ermensul...“ (kam an den Ort, der Ermensul genannt wird).

Es ist Karl der Große, der hier gemeint ist und der nicht auf den Willen des Kirchenlehrers Papst Gregor hörte, der 601 in einem Brief an Bischof Augustinus empfiehlt, die heidnischen Kultstätten nicht zu vernichten, sondern umzuweihen.

Ermensäulen (Ermensula, Irminsul etc.) waren heidnische Kultobjekte – wohl mal Baumstämme, mal säulenartige Gebilde, meist mit oben zwei oder mehreren, meist weitausladenden Ästen, die sinnbildlich den Himmel stützen oder eine Verbindung zwischen Erde und Himmel herstellen. Ermensäulen waren, wie Wotan-Eschen oder Donar-Eichen, oft ein Zentralpunkt germanischer Versammlungsplätze oder heiliger Haine, an denen weltliche und religiöse Probleme in der Volksversammlung (Ding/Thing) besprochen wurden.

 

Derlei Vermittlergegenstände zwischen Himmel und Erde oder Weltenbäume, -säulen gibt es aber bei weitem nicht nur in germanischen Siedlungsgebieten - die Weltensäule der Maya heißt z.B. Wacah Chan, der Weltenbaum der Azteken heißt Tamuanchan, Der Weltenbaum der Nordgermanen Yggdrasil hat erstaunliche Ähnlichkeiten mit dem Huluppubaum aus Assyrien (auch hier wohnt oben ein Vogel und unten ein Drache)... Lappländer haben noch im 20.Jhd. zu bestimmten Riten Weltenbäume aufgestellt und in einer kleinen Kapelle bei Creglingen (südl. v. Würzburg) soll noch eine über 1000 Jahre alte keltische? (Irmin?)-Säule stehen...

Im übrigen finden sich in und an vielen sehr alten Kirchen weltenbaumähnliche Darstellungen meist von Kreuzen begleitet oder umgekehrt (z.B. Taufstein von Rieseby, Säulenkapitell in S.Pietro in Pavia etc.) Da die Werk-/Urheberrechte der meisten Bilder nicht eindeutig geklärt sind und ich noch nicht alle Orte selbst besucht habe, verzichte ich auf solche Bilder - der Interessierte kann ja, hiervon angeregt selbst auf die Suche gehen.

 

Warum nun aber ein heidnisches Symbol?

Der Beweis des noch andauernden Ausharrens der Thüringer im alten Glauben auch 200 Jahre nach der fränkischen Eroberung findet sich u.a. beim Missionar der Thüringer Bonifatius, der im Jahre 742 über unsere jetzige Landeshaupstadt schreibt: "qui dicitur Erphesfurt, qui fuit iam olim urbs paganorum rusticorum" (die Erphesfurt genannt wird und schon von alters her eine Siedlung heidnischer Ackerbauern ist), als er vom Papst erbittet, hier ein Bistum gründen zu dürfen.

Mittlerweile wurde von Ermstedter Bürgern im April 2009 während einer öffentlichen Ortschaftsratssitzung unter Leitung unseres Ortschaftsbürgermeisters aus mehreren vorgestellten Entwürfen ein Wappen ausgewählt, welches zukünftig als traditionelles (nichtamtliches) Wahrzeichen Ermstedts gezeigt werden soll:

Wappenbeschreibung (Blason):

Im von Rot und Silber gespaltenen Schild eine Ermensäule, beseitet vorn von einem sechsspeichigen Rad, hinten von einem Glevenfuß- doppelkreuz, alles in verwechselten Farben.

 

Wappenbegründung:

Die Ermensäule steht sinnbildlich und redend für den Namen der über 1200 Jahre selbständigen Gemeinde, die jetzt ein Ortsteil Erfurts ist.

Rot / Weiß (Silber) sind die Farben der Stadt Erfurt, in deren Besitz sich Ermstedt zumindest seit Ende des 15. Jhds. befindet. Eine Würdigung dieser Stellung erfährt Erfurt durch die Ehrenstellung des Rades im vorderen Platz des Wappens, während das Hersfelder Kreuz als historischer Verweis auf die Ersterwähnung die hintere Stelle einnimmt. Die Spaltung des Schildes und die Verwendung verwechselter Tinkturen bewahrt die ursprünglichen Farben der beteiligten Städte, symbolisiert aber auch den Streit um Besitzungen im Ort über Jahrhunderte und führt letztendlich zur weiß (silber) / roten Darstellung der im Zentrum stehenden Ermensäule, die dadurch eindeutig auf die thüringische Heimat hinweist.

Das Wappen des Erfurter Stadtvogtes Schwengfeld,  Quelle: Stadtarchiv Erfurt,

Abb. mit Genehmigung des Archivleiters Dr. Benl